Dissoziative Amnesie

VonDavid Spiegel, MD, Stanford University School of Medicine
Reviewed ByMark Zimmerman, MD, South County Psychiatry
Überprüft/überarbeitet Geändert Juni 2025
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Die dissoziative Amnesie ist eine Form der dissoziativen Störung, die durch die Unfähigkeit gekennzeichnet ist, wichtige persönliche Informationen abzurufen, was nicht mit normaler Vergesslichkeit vereinbar ist. Es wird in der Regel durch ein Trauma oder Stress verursacht. Die Diagnose basiert auf psychiatrischen Standardkriterien nach Ausschluss anderer Ursachen der Amnesie. Die Behandlung erfolgt durch Psychotherapie, manchmal in Kombination mit Hypnose oder medikamentenunterstützten Gesprächen.

Bei der dissoziativen Amnesie gehören die vergessenen Informationen normalerweise zum bewussten Erleben und werden als autobiografisches Gedächtnis bezeichnet.

Obwohl die vergessenen Informationen dem Bewusstsein möglicherweise nicht zugänglich sind, beeinflussen sie manchmal weiterhin das Verhalten (z. B. eine Frau, die in einem Aufzug angegriffen wurde, weigert sich, Aufzüge zu benutzen, obwohl sie sich an den Angriff nicht erinnern kann).

Dissoziative Amnesie ist wahrscheinlich unterdiagnostiziert. Die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung ist nicht gut etabliert, aber Schätzungen reichen von 0,2 bis 7,3% (1, 2).

Die Amnesie scheint durch eigene oder miterlebte traumatische oder belastende Erfahrungen (z. B. körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Kriegserlebnisse, Genozid, Exposition gegenüber Naturkatastrophen, Tod eines geliebten Menschen, schwere finanzielle Schwierigkeiten) oder enorme innere Konflikte (z. B. starke Unruhe wegen Schuldgefühlen, scheinbar unlösbare zwischenmenschliche Schwierigkeiten, Delinquenz) bedingt zu sein.

Literatur

  1. 1. Staniloiu A, Markowitsch HJ. Dissociative amnesia. Lancet Psychiatry. 1(3):226-241, 2014. doi: 10.1016/S2215-0366(14)70279-2

  2. 2. Johnson JG, Cohen P, Kasen S, Brook JS. Dissociative disorders among adults in the community, impaired functioning, and axis I and II comorbidity. J Psychiatr Res. 2006;40(2):131-140. doi:10.1016/j.jpsychires.2005.03.003

Symptome und Zeichen der dissoziativen Amnesie

Das Hauptsymptom der dissoziativen Amnesie ist Gedächtnisverlust, der nichts mit normaler Vergesslichkeit zu tun hat. Die Amnesie kann sich auf einen bestimmten Zeitraum beziehen, auf bestimmte Arten von Erfahrungen oder auf große Teile der Kindheit.

Lokalisierte Amnesie bezieht sich auf die Unfähigkeit, sich an Ereignisse zu erinnern, die während eines bestimmten Zeitraums stattgefunden haben; diese Gedächtnislücken stehen in der Regel im Zusammenhang mit Traumata oder Stress. Zum Beispiel können Patienten die Monate oder Jahre, in denen sie als Kind missbraucht wurden, vergessen oder die in intensiven Kämpfen verbrachten Tage. Die Amnesie manifestiert sich nicht länger als Stunden oder Tage nach der traumatischen Periode. Üblicherweise ist der vergessene Zeitraum, der zwischen Minuten bis Jahrzehnten andauern kann, deutlich abgegrenzt. Typischerweise erleben Patienten eine oder mehrere Episoden von Gedächtnisverlust.

Selektive Amnesie bezieht sich auf das Vergessen einiger, aber nicht aller Ereignisse innerhalb eines bestimmten Zeitraums oder das Vergessen nur eines Teils eines traumatischen Ereignisses.

Bei der generalisierten Amnesie vergessen die Patienten ihre Identität und Lebensgeschichte—z. B. wer sie sind, wohin sie gegangen sind, mit wem sie gesprochen haben und was sie während eines erheblichen Zeitraums getan, gesagt, gedacht, erlebt und gefühlt haben. Manche Patienten können nicht mehr auf gut erlernten Fähigkeiten zurückgreifen und verlieren Informationen über die Welt, die sie früher hatten. Eine generalisierte dissoziative Amnesie ist selten; sie ist häufiger bei Kriegsveteranen, Menschen, die sexuell missbraucht wurden und solchen, die extreme Traumata, Stress oder Konflikte erleben. Der Beginn ist meist plötzlich.

Beisystematisierter Amnesie, vergessen Patienten Informationen einer bestimmten Kategorie, wie z. B. alle Informationen über eine bestimmte Person oder über ihre Familie.

Bei kontinuierlicher Amnesie vergessen Patienten jedes neue Ereignis, wie es auftritt.

In seltenen Fällen wird die dissoziative Amnesie von gezieltem Reisen oder verwirrtem Umherwandern begleitet, die so genannte Fuge (Aus dem lateinischen Wort Fugere "fliehen").

Patienten können verschiedene Arten von dissoziativer Amnesie entwickeln, insbesondere bei kumulativen Traumata (1).

Die meisten Patienten sind sich nur zum Teil oder gar nicht bewusst, dass sie Lücken in ihrem Gedächtnis haben. Sie werden sich deren nur bewusst, wenn die persönliche Identität verloren geht oder wenn die Umstände es ihnen bewusst machen (z. B. wenn andere ihnen Ereignisse mitteilen oder nach diesen fragen, an die sie sich nicht erinnern können). Die Patienten können kurz nach einer Amnesie verwirrt erscheinen. Einige sind deutlich beunruhigt, andere gleichgültig. Wenn diejenigen, die sich über ihre Amnesie gar nicht im Klaren sind, psychiatrische Hilfe suchen, tun sie das wahrscheinlich aus anderen Gründen.

Einige Patienten berichten von Flashbacks, wie sie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auftreten; Flashbacks können mit Amnesie für die Inhalte der Flashbacks abwechseln. Einige Patienten entwickeln die PTBS später, vor allem, wenn sie sich der traumatischen oder belastenden Ereignisse bewusst werden, die ihre Amnesie ausgelöst haben.

Die Patienten haben Schwierigkeiten Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Depressive und funktionelle neurologische Symptome sind häufig, genauso wie es selbstmörderische und andere selbstzerstörerische Verhaltensweisen sind. Das Risiko von suizidalem Verhalten kann erhöht werden, wenn sich die Amnesie plötzlich löst und die Patienten durch die traumatischen Erinnerungen überwältigt werden.

Hinweise auf Symptome und Zeichen

  1. 1. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th edition, Text Revision (DSM-5-TR). American Psychiatric Association Publishing, Washington, DC, pp 338-341.

Diagnose der dissoziativen Amnesie

  • Psychiatrische Beurteilung, basierend auf den Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fünfte Auflage, Textüberarbeitung (DSM-5-TR)

  • Psychiatrische Beurteilung und allgemeine medizinische Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen

  • MRT, Elektroenzephalographie und Toxikologie

Die Diagnose einer dissoziativen Amnesie wird klinisch gestellt, basierend auf dem Vorliegen der folgenden Kriterien im DSM-5-TR (1):

  • Die Unfähigkeit der Patienten, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern (in der Regel trauma- oder stressbedingt), ist nicht mit normaler Vergesslichkeit vereinbar.

  • Symptome verursachen bedeutendes Leiden oder beeinträchtigen wesentlich die soziale oder berufliche Funktionsfähigkeit.

Auch lassen sich die Symptome nicht besser durch die Wirkungen eines Arzneimittels oder einer anderen Störung (z. B. Demenz, partielle komplexe Krampfanfälle, Substanzgebrauchsstörung, Schädel-Hirn-Trauma, posttraumatisches Stresssyndrom, eine andere dissoziative Störung) erklären.

Die Diagnose erfordert eine medizinische und eine psychiatrische Untersuchung, um andere mögliche Ursachen auszuschließen. Die Initiale Untersuchung sollte Folgendes umfassen

  • MRT zur Identifizierung eines reduzierten Volumens der CA1-Region des Hippocampus und/oder anderer struktureller Ursachen

  • Elektroenzephalographie (EEG) zum Ausschluss einer Anfallserkrankung

  • Blut- und Urintests, um toxische Ursachen wie den Konsum illegaler Drogen auszuschließen

Psychologische Tests können dazu beitragen, die Art der dissoziativen Erfahrungen genauer zu bezeichnen.

Diagnosehinweis

  1. 1. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th edition, Text Revision (DSM-5-TR). American Psychiatric Association Publishing, Washington, DC, pp 337-343.

Behandlung der dissoziativen Amnesie

  • Um die Erinnerungen zurückzuholen: unterstützendes Umfeld und manchmal Hypnose oder ein medikamenteninduzierter semihypnotischer Zustand

  • Psychotherapie zur Behandlung von Problemen im Zusammenhang mit wiederhergestellten Erinnerungen an traumatische oder belastende Ereignisse

Unterstützende Behandlung der dissoziativen Amnesie ist in der Regel angemessen, wenn nur die Erinnerung an einen sehr kurzen Zeitraum verloren ging, insbesondere dann, wenn die Patienten anscheinend kein Bedürfnis haben, die Erinnerung an ein schmerzhaftes Ereignis zurückzuholen.

Die Behandlung einer schwerwiegenderen Amnesie beginnt mit der Schaffung einer sicheren und stützenden Umgebung. Diese Maßnahme alleine reicht häufig aus, um die Erinnerungslücken allmählich aufzufüllen.

Wenn eine unterstützende Umgebung nicht zu einer Verbesserung führt oder wenn es dringend notwendig ist, Erinnerungen wiederzuerlangen, kann die Befragung von Patienten in Hypnose oder, selten, in einem medikamentös induzierten (Barbiturat oder Benzodiazepin) semihypnotischen Zustand erfolgreich sein (1). Diese Strategien müssen behutsam eingesetzt werden, da die traumatischen Umstände, die den Gedächtnisverlust angeregt haben, wahrscheinlich wieder erinnert werden und den Patienten erschüttern können. Der Interviewer muss seine Fragen sorgfältig formulieren, damit er nicht ein (nie stattgefundenes) Ereignis suggeriert und riskiert, eine falsche Erinnerung zu erzeugen. Patienten, die vor allem in der Kindheit missbraucht wurden, erwarten von Therapeuten wahrscheinlich, dass sie sie ausnutzen oder missbrauchen und ihnen unangenehme Erinnerungen aufprägen, anstatt ihnen dabei zu helfen, sich an echte Erinnerungen zu erinnern (traumatische Übertragung).

Wie genau die Erinnerungen sind, die mit solchen Vorgehensweisen wiedergewonnen wurden, kann nur durch Bestätigung von außen festgestellt werden. Unabhängig von der historischen Genauigkeit ist jedoch das bestmögliche Auffüllen der Erinnerungslücken von therapeutischem Nutzen, um die Kontinuität von Identität und Selbstgefühl des Patienten wiederherzustellen und eine zusammenhängende Lebensgeschichte zu erschaffen.

Sobald die Amnesie aufgehoben ist, hilft die Behandlung mit Folgendenm:

  • Dem zugrundeliegenden Trauma oder Konflikt eine Bedeutung geben, einschließlich der Auflösung unangemessener Schuldgefühle.

  • Sie behebt Probleme, die mit der amnestischen Episode verbunden sind

  • Sie befähigt die Patienten, ihr Leben weiterzuführen

Wenn Patienten eine dissoziative Fugue erlebt haben, kann Psychotherapie - manchmal zusammen mit Hypnose oder medikamentengestützter Befragung - eingesetzt werden, um zu versuchen, das Gedächtnis wiederherzustellen; diese Bemühungen sind nicht immer erfolgreich. Unabhängig davon kann eine Psychotherapie für die Patienten nützlich sein, um herauszufinden, wie sie mit den Situationen, Konflikten und Emotionen umgehen, die die Fugue ausgelöst haben, und so bessere Reaktionen auf diese Ereignisse zu entwickeln und zu verhindern, dass die Fugue wiederkehrt.

Treatment reference

  1. 1. Wieder L, Brown RJ, Thompson T, Terhune DB. Hypnotic suggestibility in dissociative and related disorders: A meta-analysis. Neurosci Biobehav Rev. 2022;139:104751. doi:10.1016/j.neubiorev.2022.104751

Prognose für dissoziative Amnesie

Manchmal kehren Erinnerungen schnell wieder zurück, wie es passieren kann, wenn Patienten aus der traumatischen oder Stresssituation (z. B. Kampf, sexuelle Übergriffe) genommen werden. In anderen Fällen bleibt Amnesie, insbesondere bei Patienten mit dissoziativer Fuge, für eine lange Zeit. Die Fähigkeit zur Dissoziation kann mit zunehmendem Alter abnehmen.

Die meisten Patienten gewinnen ihre fehlenden Erinnerungen zurück, und die Amnesie wird behoben. Einige sind jedoch nie in der Lage, ihre verlorene Vergangenheit zu rekonstruieren (1).

Die Prognose wird hauptsächlich durch die folgenden Faktoren bestimmt:

  • Die Lebensumstände des Patienten, insbesondere Belastungen und Konflikte im Zusammenhang mit der Amnesie

  • Die allgemeine psychologische Anpassung des Patienten

Hinweis zur Prognose

  1. 1. Harrison NA, Johnston K, Corno F, et al. Psychogenic amnesia: syndromes, outcome, and patterns of retrograde amnesia. Brain. 2017;140(9):2498-2510. doi:10.1093/brain/awx186

Dissoziative Fugue

Bei einer dissoziativen Fugue verlieren Menschen einige oder alle Erinnerungen an ihre Vergangenheit und verlassen in der Regel ihre gewohnte Umgebung (z. B. Zuhause, Familie, Arbeit). ("Fugue" kommt von den lateinischen Wörtern für "Flucht" und "fliehen".)

Dissoziative Fugue ist ein ungewöhnliches Phänomen, das manchmal bei dissoziativer Amnesie auftritt. Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5., überarbeitete Auflage (DSM-5-TR), wird sie als eine Art von dissoziativer Amnesie eingestuft, da Amnesie ein herausragendes Symptom ist und Fugue relativ selten vorkommt.

Dissoziative Fugue manifestiert sich oft als

  • Plötzliches, unerwartetes, zielgerichtetes Weggehen von zu Hause

  • Verwirrtes Umhergehen

Patienten, die ihre gewohnte Identität verloren haben, verlassen ihr Zuhause (sowie Familie, Arbeitsplatz, Schule oder andere vertraute Umgebungen). Eine Fugue kann Stunden bis Monate andauern, gelegentlich auch länger. Wenn die Fuge kurz ist, kann es einfach scheinen, dass sie etwas Arbeit vesäumt haben oder spät nach Hause kommen. Wenn die Fuge mehrere Tage oder länger dauert, können sie sich weit von zu Hause entfernen, einen neuen Namen und Identität annehmen, einen neuen Job beginnen ohne Kenntnis von einem Wandel in ihrem Leben zu haben.

Viele Patienten mit Fugue scheinen ein verdecktes Wunschdenken zu zeigen oder die einzige zulässige Möglichkeit zu nutzen, um schwerer Belastung oder Peinlichkeit zu entkommen – insbesondere bei Personen mit familiären oder zwischenmenschlichen Konflikten, die sie nicht lösen können. So verlässt beispielsweise ein gestresster Manager, der mit geschäftlichen Rückschlägen zu kämpfen hat, sein hektisches Leben in der Stadt und lebt als Landarbeiter auf dem Land.

Während der Fugue können die Patienten normal wirken und handeln oder höchstens leicht verwirrt sein. Wenn jedoch die Fuge endet, berichten die Patienten, dass sie sich plötzlich in der neuen Situation wiederfinden ohne Erinnerung daran, wie sie dorthin kamen oder was sie getan haben. Sie fühlen oft Scham, Unwohlsein, Trauer und/oder Depressionen. Einige haben Angst, vor allem, wenn sie sich nicht daran erinnern, was während der Fuge passiert ist. Diese Erscheinungen können die Aufmerksamkeit von medizinischen oder rechtlichen Behörden auf sich ziehen. Die meisten Menschen erinnern sich schließlich an ihre vergangene Identität und ihr Leben, auch wenn das Erinnern ein langwieriger Prozess sein kann; sehr wenige erinnern sich an nichts oder fast nichts aus ihrer Vergangenheit.

Oft wird die Fugue erst dann diagnostiziert, wenn die Patienten abrupt zu ihrer Identität vor der Fugue zurückkehen und darunter leiden, sich in ihnen unvertrauten Umständen wiederzufinden. Die Diagnose wird in der Regel retrospektiv basierend auf der Dokumentation der Umstände vor dem Weggehen, dem Ortwechsel selbst und dem Aufbau eines anderen Lebens gestellt.

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